Stille Nacht, oder stell dir vor es ist Krieg – eine halbfiktive Geschichte, geschrieben im Mai 2017

Die Geschichte fiel mir ein, als ich über die Ausweglosigkeit meiner Situation nachdachte. „Stell Dir vor es ist Krieg“, dachte ich … Überall auf der Welt brodelt es, nirgends ist man mehr sicher und plötzlich ist einfach Krieg, schneller als wir denken.

„Vielleicht spüren Sie das was grad auf der Welt passiert“, sagt der Homöopath am Telefon zu mir. „Ich spüre es auch in der Praxis. Es kommt etwas auf uns zu und ich glaube es ist nichts Gutes“. Ich stehe in der Küche, höre seine Stimme am Telefon. Er möchte mich aufmuntern.

Es tut gut seine Stimme zu hören, die mir zu verstehen gibt, dass ich mit meinem Ansinnen nicht alleine bin, nicht allein, mit dem inneren Kampf gegen die ständigen Ungerechtigkeiten und Rücksichtslosigkeiten, denen ich täglich ausgesetzt bin, an denen ich verzweifle. „Ich möchte einfach nur Frieden … Frieden“, sage ich leise und kann meine Tränen nicht mehr halten. Er ist still. „Ich fühle mich mit Ihnen verbunden, in all Ihren Gedanken und Gefühlen“, sagt er ernst und sehr nachdenklich nach einer langen Gedankenpause. Ich spüre, dass seine Worte von Herzen kommen. Sonst sind wir immer guter Dinge, lachen, analysieren, versuchen Wege der Heilung zu finden … aber heute sind wir ernst, weil er meine Verzweiflung spürt, meine Tränen hört. „Unsere Zeit ist um“, sage ich mit Blick durchs Küchenfenster auf die grosse Uhr, gegenüber am Bahnhof und lasse meine Gedanken in die düstere Dämmerung schweifen. Dicke schwere Wolken sind aufgezogen. Wir verabschieden uns. Ich drücke den Knopf, die Verbindung ist zu Ende.

Die Tränen rinnen einfach so. „Stell Dir vor es ist Krieg“, denke ich. „Man darf keine Hunde mitnehmen in die Luftschutzräume. Was passiert mit Deinem Hund? Würdest Du es überhaupt in einem Luftschutzraum aushalten, in dem sich mehrere Personen aufhalten, alle parfümiert, nach Weichspüler und Waschmittel riechend. Innert kurzer Zeit wäre der Raum gefüllt mit einem Chemiecocktail von Düften und Ausgasungen. Du würdest ersticken. Du würdest in den Luftschutzkeller gehen, um Dein Leben retten zu wollen, und würdest dabei ersticken oder einen anaphylaktischen Schock bekommen.“
Es möchte mir ein lautes Lachen entkommen ob dieses Wahnsinns, aber es bleibt im Hals stecken. „Du hältst ja nicht einmal ein einziges Parfüm oder Aftershave aus. Wie soll das denn gehen? Dir sind im Alltag fast nur verständnislose Menschen begegnet, die nicht verstanden haben, dass Du die Duftstoffe und Chemikalien nicht aushältst. Wie soll das dann auf so engem Raum funktionieren? Das geht doch gar nicht!“, schreie ich in mich hinein.

In all diesen Fragen die ich mir stelle und Antworten die ich mir selbst gebe, spüre ich eine tiefe Verzweiflung, die irgendwann in Trotz übergeht und schlussendlich in einer ruhigen friedlichen Trauer endet.

Ich stelle mir vor wie die Aufforderung an die Bevölkerung durch gegeben wird, die Luftschutzräume aufzusuchen. Ich sehe mich am Fenster stehen und die Menschen beobachten, wie sie alle panikartig in die zugeteilten Räume strömen. Ich stelle mir vor, wie gelassen ich alles beobachten würde, genau so, wie ich jetzt aus dem Fenster schaue. Es würde draussen irgendwann ganz ruhig sein. Niemand mehr auf der Strasse, in den Wohnungen, in den Autos …

Alle sind irgendwann in den Luftschutzräumen. Frauen, Kinder, Männer, Alte, Junge, Babys. Ein paar Zivilschutzbeamte würden noch durch den Ort streifen und Unwillige aufspüren wollen. Ich würde im Dunkeln stehen, damit man mich nicht sieht. Langsam würden auch die Luftschutzbeamten verschwinden und sich mit all den anderen einbunkern. Es würde still sein da draussen. Ganz still. Man würde vielleicht noch ein paar Amseln hören, aber sonst nichts.

Ich sehe mich meine Jacke anziehen und mit meinem Hund nach draussen gehen. Vor der Haustüre atmen wir tief ein. Keine Menschenseele ist mehr unterwegs. Alle zusammengepfercht in den Luftschutzräumen. „Wahrscheinlich rangeln sie sich jetzt um die besten Plätze“, denke ich. Ich muss lächeln als ich mir das vorstelle und schüttle den Gedanken dann von mir ab, weil mir gleichzeitig ein Schauer über den Rücken läuft. Nein, ich will mir das gar nicht vorstellen.

„Komm“, sage ich zu meinem treuen Begleiter, „wir machen jetzt noch unsere letzte Runde.“
Wir spazieren durch die Gassen. Alles ist wie ausgestorben. Einzelne Katzen rennen über die Strasse. Hie und da höre ich einen Hund bellen, der wohl irgendwo in einer Wohnung oder einem Haus zurück gelassen wurde. Ich gehe ohne Hektik, ohne Angst, dass uns jemand begegnen könnte, der uns wieder einmal mehr ermahnt, weil wir ohne Leine sind. Heute ist da niemand. Gar niemand. Wir sind frei. Wir gehen vorbei an Fliederbüschen die in voller Blüte stehen und Tulpen die ihre Kelche bereits geschlossen haben. Die Blätter in den Büschen bewegen sich leicht tänzelnd im Wind. In den Tannen ist ein sanftes Rauschen. Ein laues Lüftchen weht uns um die Nase.

Ich denke wieder an die Menschen in den Luftschutzkellern. Die Luft muss dort zum Schneiden dick sein. Mein Hund schnüffelt ab und zu und geht locker entspannt vor mir her. Wie sehr wir beide es doch geniessen. Nichts was die Atemluft belastet. Sie ist so klar wie schon lange nicht mehr. Nichts mehr, was unvorhergesehen um die Ecke kommt. Kein Auto das mit überhöhtem Tempo vorbei rauscht. Man kann sich nicht vorstellen wie still die Stille sein kann.

Ruhe. Friede. Gute Luft. Freiheit. Wundervoll!

„Eigentlich müsste man jetzt schon die Flugzeuge hören, die die Bomben abwerfen“, denke ich. Aber es ist immer noch still. Nicht gespenstisch still, sondern friedlich still. Ich zweige ab, gehe auf einen kleinen Hügel am Rande des Ortes und blicke in Richtung des Sees und über ihn zum anderen Ufer. Am Horizont ist noch ein blassrosa Streifen am Ende eines Wolkenbandes zu sehen. Aber langsam wird es über uns dunkel und vereinzelt sieht man schon die Sterne glitzern. Ich ziehe meine Jacke aus, lege sie auf den Boden, setze mich hin und geniesse die Aussicht. Mein Hund setzt sich neben mich. So wie er es immer tut, wenn ich nur so dasitze und schaue. Wir schauen beide in die gleiche Richtung. Es riecht so gut nach nichts Menschlichem. Es riecht nur nach Natur, nach Gras, nach Erde, nach Luft die von Süden kommt. Wir strecken unsere Nasen in die Strömungen. Meine Nasenflügel zittern. Die Schnauze meines Hundes tastet sich durch die Luft. Ein wohliges Gefühl durchströmt unsere Körper, so nebeneinander sitzend. Wie paradiesisch es doch anmutet. Man würde glauben, es ist einfach nur Mai. Aber es ist Krieg.

Ich weiss, dass es unser letzter Spaziergang sein könnte. Ich hatte die Wahl zwischen Tod durch Ersticken und anaphylaktischen Schock, inmitten fremder verständnisloser Menschen (- wie sollten sie sich auch in so einer Ausnahmesituation anders verhalten als sonst? -) oder den schnellen Tod der mich mit einem einzigen aber wahren Freund an meiner Seite durch eine Bombe trifft.

Ich sitze hier und warte. Friedlich und still. Nie war die Luft so sauber und rein. Nie hörte ich die Amseln so klar und anmutig singen. Nie hörte ich das Rauschen der Bäume, das Wiegen der Blüten im Wind, das Ächzen der Äste in den Bäumen, so gut wie jetzt. Ich weiss, dass ich gut gewählt habe. Ich habe den Frieden im Krieg gewählt. Den Frieden vor einem möglichen Tod.