Die Geschichte wiederholt sich nicht, sie hat nie aufgehört …

 

Wie man mit den Schwächsten umgeht habe ich in meiner kriegsgeschädigten und ebenso traumatisierten Familie nur allzu oft erlebt. Was unwertes Leben ist, musste ich schon früh erfahren. Wer krank ist, ist ein Schwächling, weil er sich ja zusammen reissen könnte und offensichtlich nichts begriffen hatte. So war es denn meist eine Schuldzuweisung oder eine Strafe, dass er krank war; wer nicht leistete wie gewünscht, wer nicht funktionierte wie gefordert, eventuell auch noch „vorlaut“ war und für seine Rechte eingestanden ist, hatte auch keine Berechtigung auf ein Dasein, wurde abgestraft, musste froh sein, einfach noch geduldet zu werden und dass man ihn, den Nutzlosen, nicht verhungern lässt.

Die meisten Familien die heute noch in 3 Generationen existieren, wurden vom Hitlerregime, seinen „Visionen“, seinen Strukturen, seinen Vorstellungen von einer guten deutschen Familie, stark beeinflusst, sowohl in  Deutschland, wie auch in Österreich. Das Buch „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“, erschienen 1934 von Dr. Johanna Haarer, seinerzeit ein Bestseller und nach dem Krieg von den Alliierten verboten, war lange noch nach dem Krieg in vielen Haushalten zu finden und wurde von der nächsten Generation übernommen.
Diese Form der Kindererziehung war damals das Non-Plus-Ultra, allein bis Kriegsende wurden über 690000 Exemplare verkauft, und das war nicht das einzige Buch jener Zeit von Haarer, das gekauft und gelesen wurde. Sie veröffentlichte weitere gern gelesene und befolgte Erziehungsratgeber für Paare, und Hitleranhänger, die gerade im Begriff waren, eine Familie zu gründen. https://de.wikipedia.org/wiki/Die_deutsche_Mutter_und_ihr_erstes_Kind

Auszug aus diesem Link:

Sigrid Chamberlain, die Haarers Erziehungsratgeber einer ausführlichen sozial- und politikwissenschaftlichen Analyse unterzogen und ihr ein ganzes Buch gewidmet hat, fasst die Ratschläge Haarers in einem Interview bei Barbara Tambour wie folgt zusammen:

„Das Kind soll tags wie nachts in einem stillen Raum für sich sein. Die Trennung von Familie und Kind beginnt gleich nach der Geburt: Sobald der Säugling gewaschen, gewickelt und angezogen ist, soll er für 24 Stunden allein bleiben. Erst danach soll er der Mutter zum Stillen gebracht werden. Von der ersten Minute des Lebens an wurde also alles getan, um die Beziehungsunfähigkeit zu fördern. Alles war verboten, was Beziehung förderte. Denn das Hauptziel bestand darin, die Beziehung zwischen der Mutter oder den Eltern und dem Kind gar nicht erst entstehen zu lassen. Diesem Zweck dienen auch Haarers Forderungen, keine Zeit gemeinsam zu verbringen außer beim Füttern, Windelwechseln, Anziehen, Baden. Dafür aber waren genaue Zeitspannen vorgegeben. Das Füttern mit der Flasche sollte keinesfalls länger dauern als zehn Minuten, das Stillen nicht länger als zwanzig Minuten. Wenn das Kind ›bummelt‹ oder ›trödelt‹, soll das Füttern oder Stillen abgebrochen werden. Essen gibt es erst wieder bei der nächsten planmäßigen Mahlzeit. Hat das Kind bis dahin Hunger, geschieht es ihm erstens recht und zweitens lernt es dann, dass es sich beim nächsten Mal mehr beeilen muss.“


Die Erziehung der Kinder war nichts anderes als ein liebloses menschenverachtendes totalitäres Verhalten, in dem es nicht die Absicht war, den Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen, sondern sie zu treuen gehorsamen Staatsdienern zu erziehen. Sogenannte Kriegsenkel, die sich gewehrt oder in irgendeiner Form darunter gelitten haben, können ein Lied davon singen. Man findet im Internet viel Literatur über die teils immer noch unverarbeiteten Traumata aus dieser Zeit.

Die Familie ist die kleinste Zelle des Staates. Das haben wir einmal im Geschichtsunterricht so gelernt. Es erstaunt mich deshalb nicht, was jetzt im Grossen passiert. Jene die heute das Sagen haben, sind in den meisten Fällen die Nachkommen derer, die in irgendeiner Form das Hitlerregime und die damals angepriesenen Erziehungsmethoden verherrlicht, gutgeheissen oder sie zumindest nicht abgelehnt haben. Das hat sich durchgesetzt, das stand viele Jahrzehnte felsenfest, auch wenn der Krieg schon lange vorbei war. Das wird man so schnell auch nicht los. Das müsste man erkennen, hart an sich arbeiten, vor allem zuerst einmal einsichtig sein und sich ständig bei aufkommenden Wiederholungen innerlich zur Wehr setzen.
Einfacher ist es da wohl, jährlich einfach nur an die Schandtaten von damals zu erinnern und mit dem Finger darauf zu zeigen, was da einmal passiert ist, damit man seine Schuldigkeit getan hat, während man sich wohl nicht oder doch bewusst ist, dass es in einem drinnen so fest verankert ist, dass man ständig Gefahr läuft es zu reaktivieren, vor allem wenn es dazu dient, Macht aufzubauen. Und die jetzt darunter leiden, sind genau die, die erkennen, dass es sich nicht im Sand verlaufen hat, dass es zum Aufflackern dieser Gesinnung nur einen winzig kleinen Funken gebraucht hat, um zu einem Flächenbrand zu werden.

Wir leben seit Jahrzehnten in einer gesinnungsgeschädigten und traumatisierten Gesellschaft.
Was wir heute erleben ist nicht die Wiederholung der Geschichte. Es ist ein sehr eindrückliches Zeichen dafür, dass das was vor ein paar Jahrzehnten erschaffen wurde, noch nicht ausgerottet ist. Und das hat sich wie ein Virus auf der ganzen Welt verbreitet.