Von einem normalen Leben, meinen Träumen und MCS

Es war an einem schönen Samstag im September. Ich ging an einem alten Haus vorbei, an dem ich schon vorher so oft vorbeigegangen war. Das Haus selbst ist einigermassen in Schuss, abgesehen vom verwilderten Garten rundherum. Die Scheune daneben ist nur noch eine Hülle ihrer selbst und droht zusammen zu brechen. Lange halte ich mich unter dem Dach nie gerne auf. Wildromantisch sind die Holzbalken unter diesem und die mit grünen Ranken überwucherten Fensterrahmen allemal.

Öfter schon habe ich mich bei diesem Haus durch die Brombeeren oder Brennnesseln gekämpft und durch die Fenster ins Innere geschaut. Es sah nicht bewohnt aus, und doch stand da eine Couch, ein paar Stühle und ganz weit hinten ein Klavier. Nein, ein richtig schöner schwarzer Flügel. So kam die Vermutung, dass es sich hier um einen Proberaum für Musiker handelt, die weit abgelegen Ihrer Leidenschaft frönen, denn in dieser Gegend ist sonst nichts, ausser Wald und eine lange Zufahrt zu einem Bauernhof. Aber nie habe ich dort jemanden gesehen, egal um welche Tageszeit ich dort war und es sah nicht so aus, als dass es regelmässig benutzt würde. So blieb denn dieses alte Gebäude im Dornröschenschlaf immer ein Mysterium für mich.

Bis eben an diesem Samstag. Ich war grad auf dem Retourweg von einem ganz langen Spaziergang als ich in die Nähe kam. Und weil ich da schon fast die ganze Tour hinter mir hatte und es zudem ein Stück steil bergauf ging und ich ziemlich müde war, ging ich gemächlich, legte öfters Pausen ein, blieb stehen, drehte mein Gesicht zur Sonne und liess sie mir noch ein bisschen ins Gesicht scheinen.

Als ich näher zu besagtem Haus kam, hörte ich plötzlich Klavierklänge. Ich blieb stehen, versuchte herauszufinden woher das kam. „Es muss aus diesem Haus kommen, sonst ist da weit und breit nichts“, dachte ich. Und dann sah ich, dass vor dem Haus ein Auto stand und die Türe ins Innere weit offen war.

Zögerlich näherte ich mich. Ich sah einen älteren Herrn am Flügel sitzen. Ganz versunken spielte er. Wie es schien, ganz für sich alleine. Er bemerkte mich erst, als ich die Schwelle übertrat. Da hörte er auf, lächelte mich an, und ich fragte, ob ich kurz rein kommen dürfe. „Selbstverständlich“, sagte er.

Der alte grosse offene Raum, der den ganzen unteren Stock ausmacht, war von der Abendsonne in helles Orange gehüllt, die durch eine grosse Fensterfront gegen das Tal und zum Fluss runter, dort wo der Bauernhof steht, zu dem man hier vorbei zufahren kann, den Raum mit ihrem Licht und ihrer Wärme füllte.

Ich erklärte mich. Erzählte genau das, was ich hier auch beschreibe und so kamen wir schnell ins Gespräch. Er freute sich, dass ich Interesse zeigte, am Klavier, an dem was er hier tut und ich freute mich, dass ich jetzt endlich einmal die Möglichkeit hatte, das Geheimnis zu lüften, was es mit diesem abgelegenen Haus auf sich hat. Wie oft dachte ich, wenn ich vorbei ging, das es ideal wäre für mich. Nicht zu gross, nicht zu klein, weit weg von jeglicher Zivilisation, mitten in der Natur. Eigentlich dort wo Fuchs und Hase sich Gute Nacht sagen, nur ab und zu einmal ein paar Autos durchfahren, auch solche die nicht durchfahren dürften, weil sie keine Anrainer sind. Aber egal. Trotzdem noch weit genug weg von allem.

Doch gleich als ich den Raum betrat, bekam ich gleichzeitig zu meiner Begeisterung auch ein beklemmendes Gefühl. Ich spürte irgendwie, dass er nicht für mich geeignet ist. Nach ein paar Atemzügen, merkte ich, dass das ganze faszinierende Ambiente überdeckt wird von einem intensiven Modergeruch, und je länger ich mich aufhielt umso mehr spürte ich die Enge in meinem Brustkorb, obwohl mein Herz voll unbändiger Freude über diese Begegnung war. Nach Duftstoffen roch nichts. Auch er nicht.

Da stand ich nun, an diesem Flügel, der ziemlich verstaubt war. Ich sah mich in Gedanken, hier Staub zu wischen und erzählte ihm nebenbei von meiner Zeit als Musikerin. Wehmut kam hoch. Ich sagte, dass ich oft daran denke, wie ich mir am Flügel meines Vaters die Seele frei klimperte, ohne es je gelernt zu haben. Wir schnitten kurz das Thema an, als es da am Bodensee ein Lokal gab, in dem Talentwettbewerbe stattfanden (früher hiess das noch nicht Castingshow) und stellten fest, dass wir dort beide mitgemacht haben. Als ich ihm erzählte, dass ich damals mit meiner Band sogar gewonnen habe, war er hin und weg. Zwei Musiker unter sich.

Der Herr erzählte mir, dass sie öfter mal am Sonntag Vormittag zusammen kommen, immer wieder mal. Verschiedene Musiker, aus lauter Spass an der Freud, und hier einfach ein bisschen Musik machen, und ich solle doch einmal vorbei kommen. Er würde sich freuen. Was für eine Verlockung! Ich dachte an früher, als wir bis in die Nacht hinein unsere Musiksessions und Proben hatten, dann im Probelokal rumhingen, träumten von einer grossen Karriere und später dann, weit nach Mitternacht, noch irgendwo jenseits der Grenze einen Imbissstand aufsuchten, um unsere hungrigen Mägen zu füllen. Oft kamen wir nach solchen Ausflügen erst früh Morgens nach Hause, schliefen bis zum Mittag und trafen uns dann abends an den Wochenenden wieder, der Schlagzeuger, der Keyboarder, der Bassist und ich.

Als meine Gedanken so abschweiften, während er erzählte, läuteten in meinem Kopf immer mehr und unaufhörlich die Alarmglocken: „Du musst hier raus!“ Aber mein Herz sagte: „Komm bleib!“ Ich fühlte mich zurück versetzt in eine Zeit, wo mir alle Türen noch offen standen. Ich genoss es, über Musik zu reden. Wir lachten, als er sagte, ich solle mich doch ans Klavier setzen, und ich erwiderte, ich könne es gar nicht, ich spiele doch nur Gitarre. Er könne es auch nicht, sagte er. Es sei eigentlich Saxophonist und klimpere nur so rum. Sein Geklimpere klang aber weitaus besser, als meines je geklungen hat, was mich davon abhielt, sein Angebot anzunehmen.

Irgendwann wurde der Druck in meinem Brustkorb unerträglich. Ich begann mich immer mehr zu räuspern, konnte mich nicht mehr richtig konzentrieren. Ich sagte ihm, dass ich gehen müsse, und dass ich gerne wieder einmal vorbei schauen würde. Ich bat ihn, noch etwas zu spielen. Er setzte an, ich blieb noch eine Weile stehen, lächelte ihn noch einmal zustimmend an, winkte bestätigend, dass ich jetzt gehe und kehrte dieser Szene den Rücken …

Draussen holte ich erst einmal tief Luft und entfernte mich dann langsam von diesem Ort. Noch lange hörte ich das Klavier als ich durch den herbstlichen Wald ging. Ich war selig beschwingt. „Ich werde ihn fragen, ob ich einmal für eine Stunde an diesen Flügel sitzen darf. Einfach so für mich … die Seele leerklimpern und sie baumeln lassen … träumen … einfach nur sein …“, dachte ich.

Auf dem ganzen Retourweg bis zum Auto (das sind ca. 20 Minuten), hing ich diesem Gedanken nach und war berührt von dieser Begegnung. Ich war wild entschlossen ihm zu schreiben, ihn darum zu bitten, diesen Raum benützen zu dürfen, das Klavier … dort, mitten in der Natur …

Ein paar Stunden hielt das an. Dann, nachdem die Euphorie nachgelassen hat, weil die mahnende Stimme in meinem Inneren immer heftiger wurde, fiel ich in mich zusammen: „Vergiss es! Du würdest es in diesem Raum keine halbe Stunde aushalten. Du wärst total unruhig und könntest es nicht geniessen. Du wirst das nächste Mal heftiger reagieren als dieses Mal. Du wirst es vielleicht eine Stunde durchstehen, aber dann bist Du fertig. Dann wird Dein Körper wieder tagelang verrückt spielen und Du wirst es büssen müssen. Definitiv!!!“ Es war, als wäre das Licht, die Wärme und die Freude aus meinem Gesicht gewichen.

Ich setzte den Brief an ihn trotzdem auf. Ich änderte ihn ein paar Mal. Die anfängliche Freude wich der Ernüchterung. Meine Zeilen wurden immer resignierender und unverbindlicher und irgendwann speicherte ich den Brief einfach ab und druckte ihn nie aus. Die Vernunft hatte gesiegt!

3 ganze Tage und Nächte später, ging ich mit meinem Hund spazieren und dachte an dieses Haus, an das Klavier, an die Musiksessions die dort stattfinden … und ich sagte zu mir:
„Du KANNST nicht mehr dazu gehören, da kannst Du Dich noch so freuen und begeistern. Es ist ein Traum. Es ist vorbei. Du kannst NIRGENDS MEHR dazu gehören! Du kannst Gitarre spielen, aber allein. Du kannst Dich an Dein altes Klavier in Deiner Wohnung setzen, aber allein. Du kannst durch den Wald spazieren und von draussen den Klängen zuhören, aber dort hinein kannst Du definitiv nicht … Hör auf zu träumen von etwas, das sich nicht mehr realisieren lässt, auch wenn Du noch so gerne möchtest. Mach Dir nicht den Mund wässrig, mit etwas, das Dir gesundheitlich definitiv schaden würde, auch wenn es noch so schön klingt … hör auf zu träumen! Geh in Deine duftfreie Welt zurück und geniesse das was Du dort noch geniessen kannst. Aber Finger weg von solchen Träumen. Es ist vorbei!!!“

Derart von meiner inneren Stimme, die laut mit mir sprach gemassregelt, öffnete ich zu Hause die Tastaturabdeckung meines alten Wandklaviers. Seit Jahren sass ich da zum ersten Mal wieder und begann zu spielen. 15 Jahre habe ich es nicht getan, und so schlecht klang es gar nicht, musste ich feststellen. „Ich würde doch tatsächlich noch etwas zustande bringen“, dachte ich lächelnd … aber es ist total verstimmt und lange kann ich da nicht üben, sonst habe ich Terror im Haus. Zu guter Letzt, nachdem die Tasten ein wenig warm gespielt waren, roch ich doch tatsächlich auch noch Überreste meines ehemaligen Parfüms.

Ich schloss den Deckel, stellte die Sachen drauf, die dort vorher standen, schob den Klavierhocker wieder in die Vertiefung zurück und löschte das Licht.

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MCS heisst, man muss seine Träume begraben. Da kann das Herz noch so viel Freude empfinden, der Körper ohrfeigt einen ständig und es bleibt einem nichts anderes übrig, als die Warnsignale ernst zu nehmen. Tut man es nicht, endet es in einem kompletten körperlichen Supergau und der kann tödlich sein. Man weiss nie wo, wann, wie man in einen Auslöser gerät, ausser man streicht jegliche Spontanität aus seinem Leben. Aber das würde heissen, dass man grad so gut aufgeben kann. Die Dosis macht das Gift. Ich versuche mir nur zuzumuten, was ich dann auch bewältigen kann. Aber das ist weit weg von einem nur einigermassen normalen Leben.

Und nein, ich will kein Mitleid. Ich weiss, dass es vielen Betroffenen so geht und teils noch schlimmer. Aber all jene die glauben, sie müssten uns belächeln oder die uns nicht ernst nehmen, die sagen, wir schotten uns ab, wir seien komisch, weil wir uns zurück ziehen, die sollen einmal darüber nachdenken, was es bedeutet, all das aufgeben zu müssen, was man mit Leidenschaft und Hingabe getan hat und wofür das Herz immer noch brennt, aber nicht mehr brennen darf.

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Ein Buch zu diesem Thema:

„Vergiftet und vergessen“ von Urs Beat Schärz

Auszug daraus:

„Man stelle sich vor, dass man mit sechsundvierzig Jahren todkrank wird und dadurch alles verliert, wofür man vorher gelebt hat. Zurückgeworfen auf sich selbst, wegisoliert von der Gesellschaft durch die Art der Erkrankung. Nichts ist mehr wie früher!

Neben dem Zuhause bietet allein die Natur eine Oase der Erholung und Genesungsmöglichkeit. Mehr als zehn Jahre hat es bei mir gedauert, bis sich der durch zu viele Chemikalien belastete Körper wieder etwas erholte. Nicht alle Menschen vertragen die heutige Umwelt problemlos. Chemikaliensensible Menschen gibt es auf der ganzen Welt, zu Millionen, speziell in den Industrieländern. Sie fristen oft ein Dasein, das an Dramatik nicht zu überbieten ist.“

http://cms-verlag.ch/index.php/vergiftet-und-vergessen