Wer hat’s erfunden?

„Bschisse“ … schweizerisch, umgangsprachlich und derb für „betrügen“ (gemäss Fachliteratur)

Wenn sich in der Schweiz jemand betrogen fühlt, dann fühlt er sich „bschisse“.
Im alltäglichen Sprachgebrauch ist dieses derbe Wort nicht wegzudenken, weshalb ich es schon lange nicht mehr als derb empfinde sondern als völlig normal.

Für mich als jemand, der nicht mit dem Schweizer Dialekt im Blut auf die Welt gekommen ist, mit diesem jedoch in sehr jungen Jahren konfrontiert wurde, habe ich mich anfänglich, damals als ich als heranwachsendes Kind bestrebt war der Schweizer Sprache „mächtig“ zu werden, überlegt, wie denn wohl so ein Wort, das mir zu diesem Zeitpunkt völlig fremd war, zustande kommt. Ich übersetzte zum besseren Verständnis für mich ins Hochdeutsche und dachte: jemand anderen „bschisse“, also Hochdeutsch be-scheissen, würde doch heissen, auf jemandem seine Notdurft zu verrichten – oder?

Dieses „Bschisse“ ist allgegenwärtig. Es zieht sich durch die ganze Bevölkerung und zwar dermassen konsequent, dass es dem Schweizer wohl schon in die Wiege gelegt wurde. Nur so kann ich mir erklären, warum sich dieser Begriff mit der dazugehörigen Gesinnung die auf einem tiefen Misstrauen beruht, so hartnäckig hält.
Wohl in keinem anderen Land der Welt, schlägt einem, egal was man wo wie tut oder wo man grad ist und sich benimmt, primär in diesem Sinne zuerst einmal ein grosses Misstrauen entgegen. Eigentlich ist jeder zuerst einmal ein „Bschisser“ (Bescheisser-Betrüger). Es beginnt beim System und endet beim Letzten im Volk. Jeder fühlt sich vordergründig „bschisse“, will heissen betrogen, oft nur schon durch die Gegenwart des anderen. Das habe ich in keinem anderen Land der Welt so erlebt, wo man doch normalerweise mit einem Vorschuss an Vertrauen zuerst einmal herzlich freundlich und wohlwollend aufgenommen wird. In der Schweiz aber, muss man sich das Vertrauen hart und gewissenhaft erarbeiten. Das kann Jahre dauern, aber man schafft es. Kann man das aber einmal nicht mehr, hat man schlechte Karten, sehr schlechte Karten.

Die Schweiz, während dem zweiten Weltkrieg die Insel der unkontrollierten Narrenfreiheit, hatte keinen wirklichen Krieg zu vermelden und kein anderer Staat der Welt wäre auf die Idee gekommen, die Machenschaften der Schweiz vor, während und nach dem Krieg, und die Grundgesinnung des Systems, einmal gründlich unter die Lupe zu nehmen und allenfalls zu rügen, wäre denn da was zum Vorschein gekommen. Dieses Land hat den Ruf sauber und rein zu sein (wie anders käme man auch zu so einem Erfolg?). Niemand käme auf die Idee diese Reinheit zu hinterfragen: „was so gut funktioniert kann nicht schlecht sein“, und wohl niemand würde diesem Image schaden wollen.
Nein, an der schönen Fassade der Schweiz wollte sich keiner die Finger verbrennen und auch niemand den Teppich „lupfen“, um einmal darunter zu schauen oder in den Abgrund der Seelen zu steigen, um dort die durch Misstrauen zermürbten Leichen zu finden.
Zu sehr musste man sich auf dieses Land als Finanzdrehscheibe in Krisenzeiten und auch sonst verlassen können. Warum wohl hat die WHO und andere wichtige Institutionen ihren Sitz in der Schweiz?

So hat man denn mitten in Europa zwischen Boden- und Genfersee hinter den „sicheren“ Schlagbäumen der Abgrenzung immer schön brav sein eidgenössisches eigenes Süppchen gekocht. Ein paar Skandälchen von irgendwelchen „rotzfrechen“ Journalisten wurden irgendwann einmal aufgedeckt, aber ganz schnell auch wieder unter den Teppich gekehrt. Und die grossen Skandale, wie z.B. der Fichenskandal Ende der 80er Jahre, in dem es darum ging, dass Bürger jahrelang überwacht und über sie geheime Akten angelegt wurden, wurden kurz heftig hochgespielt, mit Entsetzen bedauert und Empörung bekundet, um dann diese Unverschämtheit in der Schublade des Vergessens versenken zu lassen, dort drin, wo niemand auf die Idee gekommen wäre, nochmals danach zu suchen. Die Schweiz hat den Ruf rein und über allem Unrecht erhaben zu sein. Ihr Misstrauen entgegenzubringen ist tabu und schlicht und einfach eine Frechheit. Die Würde der Schweiz an sich ist unantastbar. Das gilt aber so nicht für einzelne Menschen, die in diesem Land leben.

Trotz Fichenskandal, das Misstrauen selbst ging nicht vergessen, wanderte nicht in eine Schublade und man gelobte keine Besserung. Zu sehr liebt dieses Land sein Geld, von dem es nicht genug bekommen kann. Das so wichtig ist, wie das tägliche Brot auf dem Tisch, das „Chrampfen“ bis zum Umfallen und der Rütlischwur. Deshalb hasst das Land jene so sehr, die diesem Image schaden könnten und genau deshalb, fast 30 Jahre nach dem Fichenskandal, ist die Schweiz drauf und dran, wieder etwas auf die Beine zu stellen, das wahrscheinlich ein weit grösserer Skandal ist, als alles andere davor, wenn man von Menschenrechten und der Würde des Menschen ausgeht.

Das Misstrauen ist eben nicht wegzudenken. Wer in diesem Land leben will, der soll gefälligst auch zu was nutze sein. Eine Daseinsberechtigung per se gibt es nicht! Ist er zu nichts nutze, hat er ein Problem und zwar ein verdammt grosses, denn er kann sich das Vertrauen nicht mehr erarbeiten, also wird er fortan nur noch mit Misstrauen konfrontiert. Schlimmer noch, man fühlt sich im anfänglichen Misstrauen sofort bestätigt, was ihn doppelt verdächtig macht.

Wer krank, alt, Ausländer oder sozial schwach ist, will heissen durch Krankheit oder besonders gravierende Umstände Renten, Ergänzungsleistungen oder Sozialhilfe bezieht, wird denn auch primär als hoch verdächtig angesehen, bzw. auf gut Schweizerdeutsch ausgedrückt: als ein potentieller Bschisser, wobei bei der Aussprache darauf zu achten ist, dass das „i“ ein bisschen „gezogen“ werden sollte, also „Bschiiisser“, wohingegen das „ss“ nicht zu kurz und hart klingen sollte. Hörprobe hier: https://de.wiktionary.org/wiki/bescheißen

Nun will sich die Schweiz also anschicken, die potentiellen Bschisser (Krankentaggeld-, IV-Renten- und Sozialhilfebezüger) – die sowieso immer schon verbal mit Dreck beworfen wurden (beschmutzen = bescheissen?), weil sie seit jeher in der Bevölkerung als Schmarotzer betrachtet wurden – generell rigoros überwachen zu lassen, so dass diese nicht bescheissen können bzw. sie des „Beschisses“ überführt werden können, dessen sie generalverdächtigt werden. Dies soll durch Observationen geschehen, was durch dafür eigens angestellte Personen durchgeführt werden soll, ergänzt durch Drohnen, Peilsender oder Privatpersonen (jeder wird dazu eingeladen, seinen Nachbarn, Freund, Partner, Verwandten, Bekannten zu denunzieren).
Jeder Hinweis zählt! Jeder kann zum Detektiv werden! Jeder kann mithelfen die Schweiz sauber und rein zu halten, so dass Bschisser in der Schweiz keine Chance haben. Denn Bschiss darf in der Schweiz nicht sein. Vor allem nicht dort, wo das Geld am Wenigsten vorhanden ist und am Nötigsten gebraucht wird.

Und so dürfen wir uns wahrscheinlich darauf verlassen, dass der potentiell mit Misstrauen genährte Schweizer (stetes Misstrauen höhlt das Sozialverhalten) bei der Abstimmung im Herbst dieses Jahres seinem System treu ergeben ist, und natürlich dafür stimmen wird, dass die Bschisser endlich überwacht werden. Denn es gibt für Schweizer kaum was anderes als Bschisser und daraus entsteht sogar noch ein lukratives Geschäft, mit dem man Geld verdienen kann. Typisch schweizerisch eben.

Ein anderes Ergebnis bei dieser Abstimmung käme einem völligen Gesinnungswandel der Eidgenossen gleich. Dieser Gesinnungswandel aber wird nie und nimmer stattfinden, solange die Schweiz noch ein reiches angesehenes Land ist, in dem es der Mehrheit besser geht als anderswo (die schlechter Gestellten werden nur ungern geduldet – Reichtum macht halt nun mal arm im Herzen), das den Fünfer und Weggli will und auch bekommt (man ist nicht in der EU und doch drin), und das sich weiterhin mit schönen Landschaften, Banken, Schoggi, Käse, einer profitablen Wirtschaft und Uhren schmücken will und in dem alles andere schlecht fürs Image, folglich ein BSCHISS ist, der im Keim erstickt werden soll!

Und nein, ich, die diesen Text verfasst hat, habe nichts gegen Schweizer oder gegen dieses Land. Im Gegenteil!
Aber nach 45 Jahren Erfahrung muss ich leider diese Bilanz ziehen, denn ich wurde in einem Land geboren, in dem man trotz widrigster Umstände und zwei Weltkriegen auf dem Buckel mit einem Vorschuss an Vertrauen gegenüber den Mitmenschen auf die Welt kommt und wahrscheinlich grad wegen der widrigen Umstände in der Vergangenheit ein ganz anderes Sozialverhalten an den Tag legt, als es in der Schweiz der Fall ist.

***

Nachtrag: Der Mangel an Sozialkompetenz ist mittlerweile nicht nur ein schweizerisches Phänomen, sondern in allen westlichen Ländern spürbar. Besonders befremdlich ist er aber in einem Land, das sich gerne damit rühmt, eines der reichsten Ländern der Welt zu sein.

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