Flucht ins Jenseits

 

EXIT, der Verein für humanes Sterben in der Schweiz, wurde 1982 gegründet. Er zählt (Stand April 2016) über 100’000 Mitglieder und immer mehr Menschen nehmen diesen Dienst in Anspruch.
720 Menschen wählten im Jahr 2016 auf diese Weise den Freitod, weil sie in Würde sterben wollten. Das stimmt nachdenklich. Man wünscht sich in Würde selbstbestimmt zu sterben?

Auch wenn ich mich vor 10 Jahren noch vehement dagegen gewehrt hätte auf diese Weise aus dem Leben zu gehen, so kann ich aber immer mehr nachvollziehen, wie es zu so einer Entscheidung kommt. In einer Gesellschaft die in ihrer Habgier fast nur noch egoistisch auf Konsum ausgerichtet ist, unter chronischem Zeitmangel leidet und in der man sich Menschlichkeit und Liebe „nicht mehr leisten kann“, zählt der Mensch als Mensch nicht mehr. Das Tempo, arbeiten und konsumieren zu „müssen“ ist vorgegeben, man wird getrieben und mit jedem Jahr ist eine Zunahme dieser Beschleunigung festzustellen. Gesund ist das nicht.

In vielen westlichen Ländern ist das so, weil Wirtschaftlichkeit und Gewinnmaximierung oberste Priorität haben. Das sind die Länder, die in der Rangliste der Wohlstandsländer ganz oben stehen und in die so viele wollen, wenn sie sich arm und benachteiligt fühlen.
Die Schweiz steht als Einwanderungsland ganz weit oben. Über 80% der ausländischen Bevölkerung stammt aus europäischen Ländern. Also nicht die Ärmsten der Armen finden hier Zuflucht, sondern die Lebensstandardsoptimierer. Zwar werden in den letzten Jahren von ausländischen Mitbewohnern auch Stimmen laut, dass es in der Schweiz einfach zu teuer ist, grau und kalt, und man aufgrund der hohen Lebenshaltungskosten ja doch nichts auf die Seite legen könne, weshalb einige nach vielen Jahren wieder in ihre Heimatländer zurück kehren wollen. Aber noch glauben viele, die Schweiz ist das Land wo Milch und Honig fliesst und der Wohlstand auf den Bäumen wächst, vor allem jene die über keine „Schweizerfahrung“ verfügen.

Milch und Honig fliesst, wenn überhaupt, nicht von allein, und den Wohlstand muss man sich hart erarbeiten, wenn man es denn schafft, weil man trotz vermeintlich besserem Lohn als anderswo aufgrund von hohen Lebenshaltungskosten nichts auf die hohe Kante legen kann. Für Wohnen, ein Grundbedürfnis des Menschen, muss man hierzulande tief in die Tasche greifen, sowohl als Mieter wie auch als (Schein-)Eigentümer, denn das Eigentum gehört meist der Bank. Wohneigentum ist Luxus. Wer es sich dennoch leisten will, muss mit einer zusätzlichen Steuerbelastung rechnen (Eigenmietwert), ausser er handelt wirtschaftlich im Sinne der Banken und belastet sein Eigentum mit Hypotheken.

Wirtschaftlich muss der Mensch sein. Arbeiten und Leisten muss er können. Zu konsumieren muss er in der Lage sein, dann ist er willkommen. Alles andere schadet offensichtlich dem Image eines reichen Landes. Man müsste nämlich annehmen, dass grad ein reiches Land es sich leisten könnte, auch jenen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, die nichts mehr zum Image des Wohlstandslandes beitragen können, und zwar nicht nur im Sinne einer materiellen Grundexistenz sondern auch in der Würde als Mensch. Doch da kommt wohl jene Gesinnung die zum Wohlstand führt (Gier), dem in die Quere was Menschlichkeit bedeuten würde.

Wer in der Schweiz, wegen Krankheit oder Alter finanziell in Bedrängnis kommt, spürt mehr als anderswo, dass er nicht mehr in die Gesellschaft passt. Das Gefälle zwischen arm und reich ist in einem der reichsten Länder der Welt seelisch und körperlich besonders schmerzlich zu spüren. In einem so angesehenen Vorzeigewohlstandsland arm zu sein, ist härter als anderswo. Der Mensch hat primär der Wirtschaft und dem Staat zu dienen und nur als solcher eine Daseinsberechtigung, und wer Arbeit hat wird ausgepresst bis zu letzten Stunde. Wer keine Arbeit hat wird mit allen Massnahmen dazu getrieben, dass er wieder einsetzbar ist und somit wirtschaftlich. Schafft er das nicht, wird er schikaniert. Wer in die Knie geht, krank ist, definitiv nicht mehr kann und um Rente ansucht wird bespitzelt, zermürbt und schlecht geredet.

Was nicht wirtschaftlich ist, ist wertlos und so wird es auch behandelt. Wenn man zusätzlich noch nicht gewillt ist, sich behandeln zu lassen und die unzähligen oft qualvollen Wiederherstellungsmöglichkeiten in Anspruch zu nehmen, die oft nutzlos sind, aber wenigstens noch für den Wirtschaftszweig Medizin lukrativ, wodurch aber im besten Fall noch ein Rest an Leistungsfähigkeit aus einem heraus gepresst werden kann bevor man stirbt, steht man ganz schlecht da.

Kein Wunder ist EXIT nicht die einzige legale Institution in der Schweiz, bei der man sich ohne grosses Wenn und Aber und würdevoll ins Jenseits befördern kann. Ist es würdevoll so zu sterben? Ist das die Würde in einem Wohlstandsland? Zwar kommt man bei EXIT noch relativ günstig davon, doch all diese Sterbehilfeorganisationen sind die Folge der zunehmenden Infragestellung der Daseinsberechtigung des Menschen als Mensch. Wenn man sich die Würde nicht mehr erarbeiten kann, dann wird einem hierzulande ganz offiziell und relativ unbürokratisch gewährt, diesem unwürdigen Zustand freiwillig und selbstbestimmt ein Ende zu bereiten.

Wie Flüchtlinge die Geld an Schlepper bezahlen, weil sie ihnen helfen der Hölle des Krieges oder der Armut zu entrinnen, sind Sterbehilfeorganisationen die Fluchthilfe der Wohlstandsländer. Wer sich von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlt, nicht mehr wertvoll, unnütz, unbrauchbar im Sinne von wirtschaftlich, weil er aufgrund von Krankheit oder Alter nicht mehr leisten kann und unfähig ist, dem Leistungsdruck standzuhalten und die Geringschätzung auszuhalten, verzweifelt am Gedanken, nur noch als Unkostenfaktor und Belastung gesehen zu werden. Um dieser Hölle und Schande zu entrinnen, entschliesst er sich, sofern er es sich leisten kann, die Schlepper ins Jenseits zu bezahlen, die ihm ein sanftes Entschlafen auf der letzten Reise offerieren.

So flüchten denn die Flüchtlinge aus ärmeren Ländern vor barbarischen Zuständen um dem Tod zu entrinnen, in dem sie auf ein „besseres Leben“ in jenen Ländern hoffen, aus denen die Menschen, vor einem menschenunwürdigen Leben in der nur noch Wirtschaftlichkeit und Leistung zählt, in den Tod flüchten.

Man ertappt sich selbst oft bei der Überlegung, ob es denn nicht sinnvoller wäre, einen Vertrag mit Exit abzuschliessen, als weiterhin die extrem hohen Krankenkassenprämien zu bezahlen, denn die Lieblosigkeit in unserer Gesellschaft, der ständige Leistungsdruck und das eingehämmerte und verinnerlichte „wirtschaftlich sein bis in den Tod“ gefährdet unsere Gesundheit massiv, kann auch tödlich sein und ist wohl der Hauptgrund für Suizide und erweiterten Selbstmord. Da nützt es auch nichts, wenn man versichert ist.  Aber das alles will wohl niemand wahr haben.

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Die Würde des Menschen ist zu achten und zu schützen, heisst es in Art. 7 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Trotzdem wird der Mensch als Individuum in Frage gestellt, wenn er in Not gerät und sich die Rechtsgleichheit „Niemand darf diskriminiert werden, namentlich nicht wegen der Herkunft, der Rasse, des Geschlechts, des Alters, der Sprache, der sozialen Stellung, der Lebensform, der religiösen, weltanschaulichen oder politischen Überzeugung oder wegen einer körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderung (Art. 8) nicht mehr erarbeiten kann.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde den Menschen vor Diskriminierung schützen und seine Daseinsberechtigung in keiner Lebenslage in Frage stellen. So könnte man der Scheinheiligkeit, dass die Würde des Menschen geachtet und geschützt wird endlich ein Ende setzen und auch dem Art. 8 der Rechtsgleichheit wäre Genüge getan.

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