Nutztier Mensch

sam_2768

 

Nutztiere haben in unserer Gesellschaft die Bedeutung, dass sie leben dürfen, weil sie uns einen Nutzen bringen.

Das heisst, am Beispiel einer Kuh: Man bietet ihr ein Dach über dem Kopf, sie wird gefüttert und oft bekommt sie auch ein Minimum an Auslauf und Pflege. Sie bringt Kälber auf die Welt, damit sie Milch produziert, die wir trinken oder anderweitig verwenden. Die Kälber werden geschlachtet. Ihr Fleisch findet Verwendung, ihre Haut auch. Eine gute Milchkuh wird solange gedeckt und gemolken, bis aus ihr nichts mehr rauszuholen ist. Dann ist sie wertlos, d.h. zu nichts mehr nütze, wird ebenfalls geschlachtet und alles von ihr verwertet.
So war die Kuh von Geburt an dem Menschen zu was nütze und hatte ihre Berechtigung.

Wie sieht der Mensch in dieser Gesellschaft sein Leben, im Vergleich zum Leben einer Kuh?

Du kommst meist nicht mehr auf die Welt, weil Du aus Liebe gezeugt wurdest, sondern als Statussymbol:
„ICH HABE ein Kind!!!“. Dann wirst Du brav erzogen, damit Du den Eltern Freude machst und auch bei anderen „gut rüber kommst“. Du wirst auf Leistung getrimmt, weil Du ja zu was nütze sein sollst, d.h. Du musst viel lernen, damit Du viel weisst; brauchst eine gute Ausbildung, damit Du eine gute Stelle bekommst, in der Du dann gut verdienst.
Du wirst „Liebe und Anerkennung“ erfahren, so lange Du leistest. So dienst Du schlussendlich dem Staat (Du zahlst Steuern) und der Wirtschaft, die Dein Wissen und Deine Leistung braucht, wofür Du zwar honoriert wirst, was Du dann aber der Wirtschaft wieder zurück gibst, weil Du konsumierst. Du musst konsumieren, wenn Du Erfolg haben und mithalten willst. Du suchst Dir einen Partner, produzierst wieder neue Steuerzahler und Konsumenten, damit die Wirtschaft und der Staat weiter von Dir profitierten. So bist Du zu etwas nütze und leistest Deinen Beitrag zur leistungs- und konsumorientierten Gesellschaft. Du bekommst natürlich auch Auslauf und Pflege, in dem Dir Dein Einkommen gewisse Annehmlichkeiten ermöglicht, die aber zeitlich begrenzt sind (Ferien) und für die Du immer weniger Zeit hast (Hobbies, eigene Interessen), weil Du immer mehr dafür tun musst; denn grundsätzlich sollst Du ja nicht leben, sondern arbeiten und zu etwas nütze sein. Und die Aussichten, dass Du nach einem arbeitsreichen Leben irgendwann in den wohlverdienten Ruhestand gehen kannst, bzw. dass Du ihn erlebst, sind gering, weil das Rentenalter immer höher angesetzt wird.

Wieso ich das schreibe?
Obwohl es uns angeblich immer besser geht, erfahren immer mehr Menschen, nämlich dann, wenn sie alt und krank sind und nicht mehr leisten können, dass sie eigentlich nur NUTZMENSCHEN waren.
Der Unterschied zum Nutztier Kuh ist, dass der Mensch nicht geschlachtet werden darf, wenn er zu nichts mehr nütze ist. Darin unterscheidet der homo sapiens zwischen Nutztier und Nutzmensch; muss er auch, alles andere wäre moralisch verwerflich.

Statt einer Schlachtung aber, hat sich die Gesellschaft, die dieses System geschaffen hat, eine ganz andere Lösung ausgedacht.  Der Alte und Kranke und zu nichts mehr nütze Mensch, wird ähnlich einem Stierkampf auf ein Schlachtfeld (Kampf mit Versicherungen, Behörden und Ämtern) geführt, auf dem er dann, oft auch zur Schau gestellt, einen aussichtslosen Kampf führen „darf“, gegen ein System, in dem der noch funktionierende und deshalb in der Rangordnung höher gestellte, weil wertvollere Mensch, in seiner Willkür noch einmal alle Register zieht. So wird der zu nichts mehr nütze Mensch provoziert, verletzt, verwundet und ausgeblutet, denn Sinn und Zweck des Nutzmenschen ist es, möglichst nichts für ihn auszugeben, aber möglichst viel aus ihm heraus zu holen. Dies geschieht dann bis zu seinem Tod. Wenn das keine Schlachtung ist?

Nach dem Stierkampf stirbt der Stier, so oder so, auch wenn er gewinnt, ausser, es findet sich ein Tierfreund der ihn rettet. Nach dem Kampf mit dem System, wenn er ihn überlebt, geht der nutzlose Nutzmensch, meist an Würde verletzt aus dem Funktionssystem heraus und wird an den Rand der Gesellschaft gestellt. Oder aber, es findet sich ein Menschenfreund, der ihn rettet, was selten vorkommt, weil der noch funktionierende Nutzmensch keine Zeit hat für Menschlichkeit, muss er doch selbst aufpassen nicht aufs Schlachtfeld geführt zu werden.

Mahatma Gandhi hat gesagt:
„Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandeln.“

Wenn man die Grösse und den moralischen Fortschritt eines Landes daran misst, wie es seine Alten und Kranken behandelt, dann müsste einem schon lange bewusst geworden sein, dass das System, dem wir täglich mit unserem vollen Einsatz dienen, menschlich und moralisch komplett versagt.
Niemand käme jedoch auf die Idee, seinen Wert als Mensch zu hinterfragen, solange er noch funktioniert. Damit muss man sich erst befassen, wenn man für die Familie, die Gesellschaft, den Staat und die Wirtschaft nutzlos geworden ist, und dann wird der Nutzmensch nicht selten erfahren, dass er nur leben durfte und seine Berechtigung hatte, solange er zu etwas nütze war.

Advertisements