Goodbye Carina …

Goodbye Carina …

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Jahrelang habe ich dich gegen die Autojäger verteidigt, die da ausschwärmen und Autos für den Export suchen. Hab die unzähligen Visitenkärtchen, die sie dir unter den Scheibenwischer geklemmt, an die Autotüre gesteckt oder durch einen kleinen Schlitz im Fenster ins Wageninnere geworfen haben achtlos weggeschmissen und immer wieder hab ich gesagt: „sie kriegen dich nicht“.

Du warst bereits 10 Jahre in Verkehr, wie es so schön heisst. Dann ist dir jemand an einer Ampel rein gefahren, als deine damalige Halterin auf Urlaub wollte und so bist du in meiner Stadt gelandet. Ihr wurde ein Ersatzwagen zur Verfügung gestellt. Bei dir haben sie einen Totalschaden festgestellt. Da sei nichts mehr zu machen, hat man zu ihr gesagt. Und dann haben die doch noch was aus dir gemacht und ich hab dich gesehen, repariert und wieder schön her gerichtet. Und ich wusste, ich will dich. Ich habe mich mit deiner ehemaligen Halterin in Verbindung gesetzt. Sie war erstaunt, dass du zum Verkauf angeboten wurdest, denn hätte sie gewusst, dass da bei dir noch was zu machen gewesen wäre, sie hätte auf dich gewartet. Aber mittlerweile hatte sie schon einen neuen Wagen und so habe ich ihr gesagt, du seiest bei mir in guten Händen.

Im Dezember 2002 bist du also zu mir gekommen und du warst immer treu, zuverlässig und sparsam. Hast mich nie irgendwo hängen lassen. Wie oft bin ich mit dir zum TüV und habe denen immer wieder gesagt: „alt, aber bezahlt“ und „Quality has no age“, wenn die die Nase gerümpft haben. Wie oft hat man mir einen neueren Gebrauchtwagen angeboten, wenn man mir abriet, bei dir noch einen Service zu machen, weil es sich ja nicht mehr lohnt. Ich hab immer abgelehnt. Und Du bist gefahren, gefahren und gefahren …

Dann kam der Dezember 2013. Noch einmal wollte ich dich zum TüV bringen. Es sprach nichts dagegen. Immer noch hast du alte Dame dich gut präsentiert und waren die Tage auch noch so kalt, dein Herz war für mich immer startklar. Und so ging ich denn mit dir in diesem Dezember zur Prüfstelle. Sie haben dich gequält, an dir herum gehämmert und gestochert. Aber da war nichts. Nicht die geringste Roststelle, kein Gebrechen, nichts. Einzig die vordere linke Bremse musste um 1% korrigiert werden. Reine Schikane. Aber irgend etwas mussten sie ja finden. Sie konnten mich unmöglich so gehen lassen. Ein 22 Jahre altes Auto ohne Mängel? Gibt’s nicht! Nicht für die, die alte Autos einfach aus Prinzip aus dem Verkehr nehmen wollen.
Was ist schon so ein Prozent bei einer Bremse? Und so habe ich dich denn nochmals in die Werkstatt gebracht, einen Tag, bevor du zur Nachkontrolle hättest müssen. Abends stellte ich dich dorthin. Am Morgen rief mich der Mechaniker an und sagte, du würdest keinen Mucks mehr von dir geben. Gar nichts. Ich konnte es nicht glauben. Du hast mich doch ein paar Tage zuvor ohne irgendwelche Anzeichen von Gebrechen nach einer langen Reise, die ich allerdings unter Berücksichtigung deines hohen Alters mit dem Zug gemacht habe, gut nach Hause gebracht. Bist drei Tage in eisiger Kälte am Bahnhof gestanden und hast auf mich gewartet. Ich musste eine halbe Stunde das Eis von dir abkratzen, so zugefroren warst du. Aber dein Herz hat sofort angefangen zu schlagen, als ich den Schlüssel drehte.

So seltsam das alles. Haben die dich bei der Prüfstelle ruiniert? Motor überstrapaziert? Ich weiss wie die dort mit Autos umgehen. Dieses Mal konnte ich dich aber nicht begleiten und ich konnte denen nicht sagen: „Vorsicht. Ältere Dame. Bitte auch so behandeln“.
Dass meine Bedenken bezüglich Prüfstelle nicht unbegründet sind, zeigt dieser kurze Artikel.
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-68034671.html
Er stammt aus dem Jahr 1993, aber er scheint mir aktuell, denn alte Autos müssen ja irgendwann einmal aus dem Verkehr genommen werden. Die Wirtschaft muss angekurbelt werden. Alte Autos sind für die Halter vielleicht Gold wert, aber nicht für die Autohändler. Denn wenn jedes Auto 22 Jahre fahren würde, dann würden die ja keine Autos mehr verkaufen.

Ich habe nochmals alles probiert, dich wieder flott zu kriegen, aber dein Motor wollte nicht mehr. Die Ventile seien alle undicht. Jetzt plötzlich? Die Reparatur wäre zu teuer. Ja, es stimmt, es übersteigt meine finanziellen Möglichkeiten und ist schlussendlich ein Verhältnisblödsinn, weil ich mir eventuelle weitere grössere Folgereparaturen, mit denen man rechnen muss, nicht leisten kann. Es ist wohl so, als würde man überlegen, ob man einem über 80-jährigen Menschen noch einen Herzschrittmacher einbauen soll. Aber bei einem Menschen würde man es machen. Du aber bist nur ein Auto. Da spielt es keine Rolle, dass dein Körper ohne jegliche Mängel ist. Dein Herz will nicht mehr. Eine Transplantation wäre noch in Frage gekommen, aber ich hab kein Herz gefunden, dass mit dir kompatibel wäre. Keines, im ganzen Land nicht.

Und jetzt stehst du dort und wartest auf den Abschleppwagen, der dich dorthin bringt, wo du entweder in Teilen oder als Ganzes nach Südafrika verfrachtet wirst. Dort würden sie Höchstpreise für dich zahlen, haben die mir gesagt. Dort wissen die eine solche Qualität noch zu schätzen und dort würde man solch ein Auto mit weniger hohen Kosten wieder in die Gänge bringen. Aber hier würde sich das nicht lohnen. Ich solle doch einem so alten Auto nicht nachweinen, hat man mir gesagt.

Hier, in diesem Land, das zu einem der reichsten in der Welt gehört, grenzt es schon fast an Dummheit und Irrsinn, wenn man in ein solches Auto noch investieren will und man würde auch niemanden finden, dem das Geld egal ist und der Freude daran hätte, ein solches Juwel zu reparieren, vielleicht zu einem Stundensatz, der halt nicht der hiesigen Norm entspricht.

Wäre ich Millionär, dann hätte ich dich wieder instand gestellt. Ich hätte alles Geld der Welt bezahlt, um dich wieder hinzukriegen. Ich hätte dir ein Herz organisiert, irgendwo auf dieser Welt oder einen Mechaniker, dem ich alles Geld der Welt bezahlt hätte, dass er dich wieder zum Laufen bringt. Denn hier geht es nur mit viel Geld.
Dann hätte ich denen bewiesen, was es heisst, Qualität zu schätzen und ich bin überzeugt, wir wären noch viele Runden zusammen gefahren, ohne irgendwelche Zwischenfälle. Aber so musste ich leider passen. Ich musste einfach aufgeben. Ich habe das Geld nicht.

Vielleicht sollte ich mit dir nach Südafrika. Dort, wo die armen Leute hart für wenig Geld arbeiten, um etwas zu erhalten, was Qualität hat, die das Geld nicht haben, um sich gleich was Neues zu kaufen, wenn etwas Altes kaputt geht. Die es als Herausforderung sehen, Zeit und Ideen zu investieren, um etwas wieder in Gang zu bringen. Die noch reparieren und arbeiten, nicht nur noch verkaufen und kaufen.

Ja, vielleicht sollte ich das tun …
… aber so wirst du die Reise alleine antreten und ich bleibe in diesem System, das mich zwingt, mitzuspielen, auch wenn ich gegen den Strom schwimmen will und nicht zu dieser Wegwerfgesellschaft gehören will. Ich werde mir wieder ein altes Auto anlachen, eines das schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, weil ein Neues einfach nicht drin liegt und ich werde es wieder verteidigten, gegen die Autojäger, die für den Export arbeiten …

Goodbye Carina. Gute Reise. Mögest du in dem Land wo du für die das bist, was du hier für mich warst, nämlich ein Goldstück, geschätzt und gefahren werden, bis dass denn auch deine Hülle nicht mehr will.

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