Sorry Cassandra …

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Es gab eine Zeit, da lebte ich völlig „normal“, das heisst, so wie jeder andere auch. Ich habe Parfüm, Waschmittel mit Duftstoffen, Reinigungsmittel, Kosmetika, Essen, Kleider usw. alles „von der Stange“ gekauft. Das heisst, ich habe nicht darauf geachtet, was an Stoffen darin enthalten ist. Ich habe alles verwendet, wie ihr auch. Duftkerzen, Duftlämpchen, Lufterfrischer, damit alles gut duftet und es hat mir nichts ausgemacht. Doch was ist normal?

Als ich einmal bei meinem Vater auf Besuch war und das Essen serviert wurde, fragte er, wie es mir schmeckt und ich sagte, ich esse etwas anderes als du, also kann ich nicht beurteilen, wie deines schmeckt, aber meines schmeckt gut. Da sagte er: „Ach ja, du brauchst ja immer etwas Spezielles“. Damit sprach er die Tatsache an, dass ich mein Essen frisch zubereiten muss, also keine Fertigprodukte mit Zusatzstoffen, Gewürzmischungen mit Glutamat und Geschmacksverstärkern usw.
Ich sagte: „Eigentlich stimmt das so nicht. Ich esse da nichts Spezielles. Das Spezielle esst ihr, denn meines ist unverändert, unverfälscht. Es ist so wie es die Natur geschaffen hat und Eures ist nicht mehr so. Also ist meines nicht speziell, das Eure ist speziell.

Und er sagte: „Ja, eigentlich hast du Recht, wir die „normalen“ sind eigentlich nicht normal, weil alles was wir essen oder verwenden nicht mehr so ist, wie es einmal erschaffen wurde“.

Wie bereits erwähnt. Ich war einmal normal. Und dann begann schleichend eine Krankheit, die, wie sich später herausstellte, etwas mit Unverträglichkeiten zu tun hat. Aber es ging sehr lange, bis ich realisierte, woher die Muskel- und Gelenkschmerzen, Herzbeschwerden, Kreislaufprobleme, Reizhusten und das ständige Gefühl „erkältet zu sein“ her kam.

Ich wurde auf alles Mögliche behandelt, geholfen hat nichts, im Gegenteil, oft haben die Medikamente und Therapien alles noch viel schlimmer gemacht. Wie oft habe ich z.B. meine Rheumabeschwerden mit speziellen Einreibungen, Rheumabädern und Medikamenten behandelt. Es hat nichts genützt, die Schmerzen wurden immer schlimmer. Auch alle anderen Beschwerden wurden mit Medikamenten behandelt. Nichts hat geholfen.

Bis ich eines Tages feststellen musste, dass die Chemie und die Duftstoffe in den Produkten unseres Alltags mich krank machen. Bis ich zu diesem Ergebnis kam, vergingen aber viele schmerzliche Jahre.

Heute weiss ich, die Krankheit heisst MCS = multiple chemical sensitivity. Ich meide alle Zusatzstoffe in Nahrungsmitteln, koche frisch und möglichst mit Bio- das heisst unbehandelten Lebensmitteln. Ich verwende reine, aber wirklich reine Naturprodukte (was als Bio angeboten wird ist oft eine Farce) für meine Körperpflege, wie z.B. unraffiniertes Mandelöl für den Körper, reines Rosenwasser als Gesichtswasser, reine Kernseife zum Waschen usw. Meine Wäsche wasche ich mit Waschnüssen oder einem Flüssigwaschmittel, dass 100% biologisch abbaubar ist und keine reizenden Stoffe und Duftstoffe enthält. Mein Leben hat sich völlig verändert, für mich ist das normal. Aber für euch ist es nicht normal.

Die Umstellung war schwer, kein Parfüm mehr, keine Kosmetika, nicht mal schnell um die Ecke was essen gehen, keine Kleider kaufen, weil sie gefallen, sondern weil sie in erster Linie für meinen Körper verträglich sein mussten. All das konnte ich bei mir ändern und es hat dazu geführt, dass ich, wenn ich mich strikt daran halte, beschwerdefrei bin.

Leider sind aber die Produkte die andere „normal“ verwenden für MCS-Betroffene belastend, denn MCS-Betroffene reagieren auf geringste Spuren dieser Stoffe, durch Berührung oder Einatmen, mit den erwähnten Beschwerden und das passiert ihnen, wenn sie mit anderen zusammen sind, die nicht so leben wie sie. Die z.B. Parfüm, gut duftende Weichspüler, Waschmittel, Haarspray, Shampoo usw. benutzen.

MCS-Betroffene haben es schwer in der „normalen“ Gesellschaft mitzuhalten. Diese seltsame Krankheit lässt viele Menschen den Kopf schütteln. Fachleute, die sich mit dem Thema auseinandergesetzt haben, sprechen aber von einem „Frühwarnsystem mit Auftrag“, denn die Krankheit sollte jedem normal lebenden Menschen zeigen, dass irgendwann genug ist, dass das Giftfass in unserem Körper irgendwann einmal überläuft und dass dadurch schwere Krankheiten entstehen. Die Belastungen denen wir ständig ausgesetzt sind, sind so hoch, dass unser Körper sie irgendwann nicht mehr verarbeiten kann. Und dann wird er krank.

Wie viele Menschen in meiner Umgebung klagen doch über ständige Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Muskel- und Gelenkbeschwerden, fühlen sich unerklärlich krank, müde, kraftlos und antriebslos. Herz- und Kreislaufbeschwerden machen ihnen das Leben schwer. Ständiger Husten oder belegter Hals. Der Mensch fühlt sich immer kränker.

Oft würde ich gerne meine Geschichte erzählen und sie bitten, ihrem Körper zuliebe auf all das zu verzichten, das mich krank gemacht hat. Nur einen einzigen Monat müssten sie so leben wie ich, und es ginge ihnen wahrscheinlich besser, sofern nicht wirklich irgendwelche Organe geschädigt sind, wie z.B. bei Herzklappenfehler, Bandscheibenvorfall usw.

Ich fühle mich oft wie besagte Kassandra aus der griechischen Mythologie. Sie hatte das Unheil von Troja vorausgesagt und niemand hat ihr Glauben geschenkt. Die Produkte unseres Alltags könnte man gut als trojanische Pferde betrachten. Sie enthalten Stoffe, die unser Leben gefährden können und viel Unheil anrichten. Einmal zu uns nach Hause geholt, entlassen sie wo auch immer ihre Giftstoffe.

Als ich einmal jemandem sagte, die über starke Migräneanfälle geklagt hat, sie solle doch einmal probieren, ihr Parfüm und den Haarspray wegzulassen, nur für einen Monat, es wäre einen Versuch wert, bekam ich zur Antwort: „Sorry, aber ohne dieses Zeug kann ich halt nicht leben …“

Es liegt mir fern jemanden zu bekehren. Oft sehe ich aber die Verzweiflung der Menschen und wie sie immer kränker werden. Ich versuche mit meinen Erfahrungen zu helfen, doch der „Ruf der Kassandra“ bleibt meist ungehört und die Menschen leiden lieber weiter, anstatt ihr Leben von Grund auf zu ändern. Verstehen kann ich das. Ich hätte mein Leben auch nicht geändert, wenn ich nicht krank geworden wäre.

Oft glauben wir MCS-Betroffenen, mit unserer Krankheit sogar „Glück gehabt“ zu haben, auch wenn sie uns sehr einschränkt und uns oft verunmöglicht, am normalen Leben teilzunehmen. Aber längerfristig gesehen bewahrt uns diese Krankheit, unseren Körper weiter mit Giftstoffen zuzumüllen, die nicht nur MCS, Allergien und die damit verbunden Beschwerden auslösen, sondern auch andere schwere Krankheiten.

Aus eigener jahrelanger Erfahrung, kann ich für mich mit Gewissheit sagen: „rätselhafte Schmerzen und Symptome“ unter denen ich jahrelang gelitten habe, treten nur noch auf, wenn ich mit Auslösern in Kontakt komme. Und dann fühle ich mich so krank, wie viele von euch. Ihr bedauert oft das Leben das ich führe, weil es für euch nicht normal ist? Ihr sprecht davon, dass es keine Lebensqualität hat, so zu leben?
Und doch würde für viele von euch ein solches Leben wie ich es führe, zu mehr Gesundheit führen, was schlussendlich mehr Lebensqualität bedeutet.

Einfach zum Nachdenken: Sorry Cassandra von Abba

“Sorry Cassandra I misunderstood
Now the last day is dawning
Some of us wanted but none of us could
Listen to words of warning …”

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Goodbye Carina …

Goodbye Carina …

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Jahrelang habe ich dich gegen die Autojäger verteidigt, die da ausschwärmen und Autos für den Export suchen. Hab die unzähligen Visitenkärtchen, die sie dir unter den Scheibenwischer geklemmt, an die Autotüre gesteckt oder durch einen kleinen Schlitz im Fenster ins Wageninnere geworfen haben achtlos weggeschmissen und immer wieder hab ich gesagt: „sie kriegen dich nicht“.

Du warst bereits 10 Jahre in Verkehr, wie es so schön heisst. Dann ist dir jemand an einer Ampel rein gefahren, als deine damalige Halterin auf Urlaub wollte und so bist du in meiner Stadt gelandet. Ihr wurde ein Ersatzwagen zur Verfügung gestellt. Bei dir haben sie einen Totalschaden festgestellt. Da sei nichts mehr zu machen, hat man zu ihr gesagt. Und dann haben die doch noch was aus dir gemacht und ich hab dich gesehen, repariert und wieder schön her gerichtet. Und ich wusste, ich will dich. Ich habe mich mit deiner ehemaligen Halterin in Verbindung gesetzt. Sie war erstaunt, dass du zum Verkauf angeboten wurdest, denn hätte sie gewusst, dass da bei dir noch was zu machen gewesen wäre, sie hätte auf dich gewartet. Aber mittlerweile hatte sie schon einen neuen Wagen und so habe ich ihr gesagt, du seiest bei mir in guten Händen.

Im Dezember 2002 bist du also zu mir gekommen und du warst immer treu, zuverlässig und sparsam. Hast mich nie irgendwo hängen lassen. Wie oft bin ich mit dir zum TüV und habe denen immer wieder gesagt: „alt, aber bezahlt“ und „Quality has no age“, wenn die die Nase gerümpft haben. Wie oft hat man mir einen neueren Gebrauchtwagen angeboten, wenn man mir abriet, bei dir noch einen Service zu machen, weil es sich ja nicht mehr lohnt. Ich hab immer abgelehnt. Und Du bist gefahren, gefahren und gefahren …

Dann kam der Dezember 2013. Noch einmal wollte ich dich zum TüV bringen. Es sprach nichts dagegen. Immer noch hast du alte Dame dich gut präsentiert und waren die Tage auch noch so kalt, dein Herz war für mich immer startklar. Und so ging ich denn mit dir in diesem Dezember zur Prüfstelle. Sie haben dich gequält, an dir herum gehämmert und gestochert. Aber da war nichts. Nicht die geringste Roststelle, kein Gebrechen, nichts. Einzig die vordere linke Bremse musste um 1% korrigiert werden. Reine Schikane. Aber irgend etwas mussten sie ja finden. Sie konnten mich unmöglich so gehen lassen. Ein 22 Jahre altes Auto ohne Mängel? Gibt’s nicht! Nicht für die, die alte Autos einfach aus Prinzip aus dem Verkehr nehmen wollen.
Was ist schon so ein Prozent bei einer Bremse? Und so habe ich dich denn nochmals in die Werkstatt gebracht, einen Tag, bevor du zur Nachkontrolle hättest müssen. Abends stellte ich dich dorthin. Am Morgen rief mich der Mechaniker an und sagte, du würdest keinen Mucks mehr von dir geben. Gar nichts. Ich konnte es nicht glauben. Du hast mich doch ein paar Tage zuvor ohne irgendwelche Anzeichen von Gebrechen nach einer langen Reise, die ich allerdings unter Berücksichtigung deines hohen Alters mit dem Zug gemacht habe, gut nach Hause gebracht. Bist drei Tage in eisiger Kälte am Bahnhof gestanden und hast auf mich gewartet. Ich musste eine halbe Stunde das Eis von dir abkratzen, so zugefroren warst du. Aber dein Herz hat sofort angefangen zu schlagen, als ich den Schlüssel drehte.

So seltsam das alles. Haben die dich bei der Prüfstelle ruiniert? Motor überstrapaziert? Ich weiss wie die dort mit Autos umgehen. Dieses Mal konnte ich dich aber nicht begleiten und ich konnte denen nicht sagen: „Vorsicht. Ältere Dame. Bitte auch so behandeln“.
Dass meine Bedenken bezüglich Prüfstelle nicht unbegründet sind, zeigt dieser kurze Artikel.
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-68034671.html
Er stammt aus dem Jahr 1993, aber er scheint mir aktuell, denn alte Autos müssen ja irgendwann einmal aus dem Verkehr genommen werden. Die Wirtschaft muss angekurbelt werden. Alte Autos sind für die Halter vielleicht Gold wert, aber nicht für die Autohändler. Denn wenn jedes Auto 22 Jahre fahren würde, dann würden die ja keine Autos mehr verkaufen.

Ich habe nochmals alles probiert, dich wieder flott zu kriegen, aber dein Motor wollte nicht mehr. Die Ventile seien alle undicht. Jetzt plötzlich? Die Reparatur wäre zu teuer. Ja, es stimmt, es übersteigt meine finanziellen Möglichkeiten und ist schlussendlich ein Verhältnisblödsinn, weil ich mir eventuelle weitere grössere Folgereparaturen, mit denen man rechnen muss, nicht leisten kann. Es ist wohl so, als würde man überlegen, ob man einem über 80-jährigen Menschen noch einen Herzschrittmacher einbauen soll. Aber bei einem Menschen würde man es machen. Du aber bist nur ein Auto. Da spielt es keine Rolle, dass dein Körper ohne jegliche Mängel ist. Dein Herz will nicht mehr. Eine Transplantation wäre noch in Frage gekommen, aber ich hab kein Herz gefunden, dass mit dir kompatibel wäre. Keines, im ganzen Land nicht.

Und jetzt stehst du dort und wartest auf den Abschleppwagen, der dich dorthin bringt, wo du entweder in Teilen oder als Ganzes nach Südafrika verfrachtet wirst. Dort würden sie Höchstpreise für dich zahlen, haben die mir gesagt. Dort wissen die eine solche Qualität noch zu schätzen und dort würde man solch ein Auto mit weniger hohen Kosten wieder in die Gänge bringen. Aber hier würde sich das nicht lohnen. Ich solle doch einem so alten Auto nicht nachweinen, hat man mir gesagt.

Hier, in diesem Land, das zu einem der reichsten in der Welt gehört, grenzt es schon fast an Dummheit und Irrsinn, wenn man in ein solches Auto noch investieren will und man würde auch niemanden finden, dem das Geld egal ist und der Freude daran hätte, ein solches Juwel zu reparieren, vielleicht zu einem Stundensatz, der halt nicht der hiesigen Norm entspricht.

Wäre ich Millionär, dann hätte ich dich wieder instand gestellt. Ich hätte alles Geld der Welt bezahlt, um dich wieder hinzukriegen. Ich hätte dir ein Herz organisiert, irgendwo auf dieser Welt oder einen Mechaniker, dem ich alles Geld der Welt bezahlt hätte, dass er dich wieder zum Laufen bringt. Denn hier geht es nur mit viel Geld.
Dann hätte ich denen bewiesen, was es heisst, Qualität zu schätzen und ich bin überzeugt, wir wären noch viele Runden zusammen gefahren, ohne irgendwelche Zwischenfälle. Aber so musste ich leider passen. Ich musste einfach aufgeben. Ich habe das Geld nicht.

Vielleicht sollte ich mit dir nach Südafrika. Dort, wo die armen Leute hart für wenig Geld arbeiten, um etwas zu erhalten, was Qualität hat, die das Geld nicht haben, um sich gleich was Neues zu kaufen, wenn etwas Altes kaputt geht. Die es als Herausforderung sehen, Zeit und Ideen zu investieren, um etwas wieder in Gang zu bringen. Die noch reparieren und arbeiten, nicht nur noch verkaufen und kaufen.

Ja, vielleicht sollte ich das tun …
… aber so wirst du die Reise alleine antreten und ich bleibe in diesem System, das mich zwingt, mitzuspielen, auch wenn ich gegen den Strom schwimmen will und nicht zu dieser Wegwerfgesellschaft gehören will. Ich werde mir wieder ein altes Auto anlachen, eines das schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, weil ein Neues einfach nicht drin liegt und ich werde es wieder verteidigten, gegen die Autojäger, die für den Export arbeiten …

Goodbye Carina. Gute Reise. Mögest du in dem Land wo du für die das bist, was du hier für mich warst, nämlich ein Goldstück, geschätzt und gefahren werden, bis dass denn auch deine Hülle nicht mehr will.