Fleischkonsum, Moral und wirklicher Hunger

Mein Vater ist 1945 aus dem zweiten Weltkrieg zurück gekehrt. Viele der Soldaten waren traumatisiert. Früher standen ihnen keine Psychologen zur Verfügung, denen sie ihre Geschichten hätten erzählen können, um ihre Seele zu entlasten. So kam es denn wahrscheinlich in der Nachkriegszeit in fast allen Familien vor, dass Väter und Grossväter ihren späteren Kindern und Enkelkindern immer wieder vom Krieg erzählt haben. Sie taten es und wiederholten sich, oft über Jahre hinweg. Manchmal haben wir gar nicht mehr hin gehört, weil wir es schon so unerträglich oft gehört hatten. Trotzdem aber ist vieles davon in unseren Gedanken geblieben. So war denn der Krieg für uns auf eine gewisse Weise nie zu Ende, solange es die gab, die davon berichteten.

Ich wurde 1959 geboren, also 14 Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs. Das ist nach meinem heutigen Zeitempfinden eigentlich keine lange Zeit. Mein Vater der mit schweren Verletzungen aus dem Krieg zurück kam, hat auch uns viele seiner Erlebnisse erzählt. Ich denke, dass er uns bei all seinem Bedürfnis darüber zu reden, die Dinge erspart hat, die wirklich grausam waren. Vieles hat er wahrscheinlich bis heute nicht verdaut und doch war in seinen Erzählungen über Krieg und Tod oft auch ein bisschen Hoffnung drin, Hoffnung auf ein besseres Leben.

Wenn ich mich an diese Geschichten erinnere, dann erscheinen mir diese trotz der damaligen Armut, dem Krieg und den Qualen nicht so brutal, wie mir die Welt heute oft vorkommt, denn die heutigen Grausamkeiten geschehen in einer Zeit, die wir Frieden nennen. Sie sind für mich furchtbarer, weil die Menschen durch den Wohlstand ärmer an Moral geworden sind. Angesichts des übermässigen Konsums, der brutalen Gier und des damit verbundenen Leids vieler Lebewesen, erscheinen mir die Kriegsgeschichten von damals weniger quälend gegenüber dem, was wir heute erleben.

An eine Erzählung von ihm denke ich oft, wenn ich sehe, was in unserer dekadenten Wohlstandsgesellschaft jeden Tag auf unseren Tellern landet. Viele unserer Lebensmittel aus dem Supermarkt, verdienen die Bezeichnung LEBENSmittel nicht mehr, denn sie machen uns eher krank, als dass sie Mittel wären, für ein gesundes Leben. Im Speziellen denke ich da an Fleisch und dem damit verbundenen Leid von vielen Millionen Lebewesen, die tagtäglich in riesigen Schlachthäusern ihr Leben lassen, um ein Bedürfnis zu stillen, das nichts mehr mit Hunger zu tun hat, sondern mit reiner Gier nach Fleisch. Kann Fleisch gut schmecken, von Tieren, die kein Leben hatten, in Massen gezüchtet und dann am Fliessband geschlachtet wurden? Angesichts der Geschmacklosigkeit im Massenkonsum, wird sich wohl kaum jemand diese Frage stellen. „Das grösste Elend auf unserer Welt passiert tagtäglich in unseren Schlachthöfen“, hat ein österreichischer Tierarzt einmal in einer Tierschutzdiskussion gesagt. Dass wir es nicht sehen und nicht sehen wollen, macht die Sache noch schlimmer.

So mutet denn die Geschichte meines Vaters wie etwas an, von dem wir uns alle in unserem Wohlstand weit entfernt haben. Es ist eine Geschichte aus einer anderen Zeit.
Es war Krieg, die Zeiten waren schlecht. Es gab viele Tote, ausgemergelte Kämpfer, die oft nur noch mit letzter Kraft zu dem fähig waren, wofür sie angeheissen wurden. Mit einer Gruppe junger Soldaten war mein Vater, selbst jung und weit entfernt von der Heimat, irgendwo in einer ländlichen Kriegsgegend unterwegs. Sie kamen durch ein kleines Dorf, das völlig zerbombt und nicht mehr belebt war und fanden bei einem kleinen verlassenen Haus eine einzelne Ziege. Voller Freude über diesen unverhofften Braten, haben sie die Ziege mit sich genommen, um sie dann, wenn der Hunger allzu gross wurde, zu verzehren. Und der Hunger war gross. So gross, dass er oft schon weh tat.
Sie zogen weiter in winterlicher Kälte durch unwegsames Gelände und schlugen irgendwo in der Nähe eines Waldes ihr Lager auf. Die Ziege haben sie an einem Pfahl in der Nähe des Zeltes angebunden. Ihre Stunden waren gezählt, denn die Lebensmittelvorräte waren praktisch aufgebraucht.
In den frühen Morgenstunden des nächsten Tages hörten sie Bomber näher kommen. Fluchtartig haben sie ihr Lager verlassen und in dem nahe gelegenen Wald in einen Graben Deckung gesucht. Minutenlang haben sie nur tosenden Lärm von Granatenexplosionen gehört. Die Ziege mussten sie in der Eile zurück lassen. Es war keine Zeit, auch ihr Leben zu retten. Als der Lärm vorbei war und sie sich sicher fühlten, ihr Versteck zu verlassen, mussten sie feststellen, dass ihr Lager vollumfänglich zerstört war. Da war alles dem Erdboden gleich gemacht und es waren nur noch Rauchschwaden zu sehen. Als sie sich näherten, um nachzusehen ob noch was zu retten ist, hörten sie das Meckern der Ziege und noch näher gekommen, trauten sie fast ihren Augen nicht. Da stand sie, immer noch am Pfahl festgebunden, völlig unversehrt und meckerte ihnen entgegen! Die Freude über das „Wunder“ war gross. Ungläubig starrten Sie das Lebewesen an, das sie nicht retten konnten, das ihnen aber trotzdem geblieben war.
Diese Minuten beschrieb mein Vater mit einer Beklemmung, die sich auch auf uns übertragen hat. So standen sie denn da und bestaunten die Ziege, die nicht zu schaden gekommen war und irgendwie gingen jedem dieser Soldaten wohl unzählige Gedanken durch den Kopf. Es wurde nicht gross darüber diskutiert. Alle waren sich fast stillschweigend einig, dass dieses Lebewesen, das den heftigen Granatenangriff überlebt hat, nicht durch sie sterben sollte. Und so haben sie die Ziege trotz elendem Hungergefühl im Bauch einfach frei gelassen, statt sie zu schlachten.

Wir wissen nicht was wirklich Hunger bedeutet, und müssten wir die Tiere die wir essen selber schlachten, manch einer würde sich wahrscheinlich überlegen, ob er das Stück Fleisch auf dem Teller nicht durch etwas anderes ersetzen würde wollen. Jedes Lebewesen ist eigentlich in seiner Entstehung ein Wunder. Um ein solches Wunder zu erleben, müssten wir es einfach nur verstehen wollen und schätzen lernen. Aber unsere Moral und unser Verständnis, unsere Verbindung zu anderen Lebewesen auf dieser Welt, wird durch den Gang in den Supermarkt einfach abgedreht und geht mit dem Griff ins Fleischregal gänzlich verloren. Und das wird uns verdammt leicht gemacht.
Billig und noch billiger, wird uns das Fleisch in Aktionen angeboten. Es scheint, als hätte das Leben der Tiere keinen Wert. Wir schlagen zu, bei billig noch mehr und geniessen tagtäglich diesen Überfluss, für den wir uns nicht die Hände schmutzig machen und mit Blut verschmieren müssen.

Ich bin mittlerweile soweit, dass ich kein Fleisch mehr essen kann, auch wenn es uns noch so mit irgendwelchen Floskeln bezüglich Bio und „artgerecht“ schmackhaft gemacht wird. Denn kein Lebensmittel ist vor dem Menschen noch sicher. Wir leben in einer Zeit, in der uns die Sicherheit nur vorgegaukelt wird. Kein Lebensmittel entsteht mehr mit Moral und Respekt vor dem Leben. Food-Design ist alles andere als verantwortungsvolle Lebensmittelherstellung. Alles wird uns schön geredet und schön verpackt, und schlussendlich macht es dann noch der Preis, der uns gierig werden lässt. Ich zähle mich nicht zu den Vegetariern, will niemanden bekehren und für die unersättliche Masse, die bei ihrem täglich Brot über Leichen geht, sind solche Artikel sowieso lächerlich.

Aber vielleicht berührt den einen oder anderen die Geschichte dieser Ziege und entkräfteten Menschen, die von Hunger getrieben trotz allem noch den Respekt aufbringen, das Leben eines Tieres über ihr eigens Überleben zu stellen, einfach aus einem tiefen inneren Respekt heraus. Mich hat sie berührt und geprägt, wie viele andere Geschichten auch, die nicht im Wohlstand entstanden sind, sondern im inneren Reichtum der Bescheidenheit und Armut.
(Autor iceblue)

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